facebook youtube

Mittelalter und Neuzeit

Ritter, Fechter und Schmiede

Auf den mittelalterlichen Schlachtfeldern mögen Piken, Bögen und Armbrüste eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die kulturell bedeutendste Waffe aber war das gerade, zweischneidige Schwert mit meist kreuzförmiger Gestalt. Es stand für die gerechte Macht des Herrschers und den Kampfesmut des Ritters, versinnbildlichte das Wort Gottes und repräsentierte das erwachende Standesbewusstsein des städtischen Bürgertums. Über die Jahrhunderte passte sich die Formgebung des Schwertes immer wieder einer veränderten Rüstungstechnologie an. Kettenhemden, Plattenpanzer oder leichtere Rüstungen lassen sich jeweils mit unterschiedlichen Klingenformen am wirkungsvollsten bekämpfen.

Der Umgang mit dem Schwert wurde systematisch trainiert. Adelige übten neben dem Reiten und Ringen von Kindesbeinen an das Fechten, die freien Städte bezahlten Fechtmeister, unter deren Leitung man sich auf gerichtliche Zweikämpfe vorbereitete, und selbst manche Kirchenmänner taten sich in dieser Kunst hervor. So zeigt uns das älteste erhaltene europäische Fechtbuch von ca. 1320, das sogenannte Manuskript I.33, einen Kleriker, der einem Schüler den Umgang mit Schwert und Buckler (dem kleinen Schild) vermittelt. Bemerkenswert ist nicht nur das hohe Niveau der abgebildeten Fechtkunst, sondern auch die Abbildung einer Frau, die auf den letzten Seiten des Buches vom Kleriker lernt – vielleicht war das Schwert schon damals keine reine Männerdomäne.

Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen begeisterte man sich sehr für Schwert und Fechtkunst. Die Waffe gehörte zum Selbstverständnis des Mannes und wurde nicht selten auch im Alltag getragen. 1478 erhielt die "Gemeine Bruderschaft unserer lieben Frauen der reinen Jungfrau Mariens und des heiligen und gewaltsamen Himmelsfürsten Sankt Marxen" als eine der ersten Fechtervereinigungen vom deutschen Kaiser Friedrich III. das Privileg, den Umgang mit dem Schwert lehren zu dürfen. Angewendet wurde die Fechtkunst in verschiedenen Bereichen: In der Selbstverteidigung, auf dem Schlachtfeld, im gerichtlichen Zweikampf, aber auch als Wettkampf auf den Marktplätzen der Städte. Zweihändig geführte Schwerter und einschneidige lange Messer standen ebenso auf dem Programm wie Degen und Dolche.

Aus den erhaltenen Waffen, bildlichen Darstellungen und den zahlreichen Fechtbüchern lässt sich die Entwicklung des Schwertes seit dem Hochmittelalter gut nachvollziehen. Dabei ist zu beachten, dass unterschiedliche Schwerttypen zeitgleich nebeneinander existieren und unterschiedliche Funktionen übernehmen konnten. Die Entwicklung von Schwert und zugehöriger Fechtkunst ist keine Evolution zur perfekten Waffe, sondern eine dauernde Anpassung an wechselhafte Gegebenheiten. Und so zeigt sich das Schwert über die Jahrhunderte in einer großen Vielfalt von Formen: Vom übergroßen, zweihändig geschwungenen Schlachtschwert zum "stupsnasigen" Katzbalger der Landsknechte, vom Reiterdegen des Dreißigjährigen Krieges zum schlanken Rapier, von der dreiecksförmigen Cinqueda zum zierlichen Kostümdegen.

Neben dem typischen zweischneidigen Schwert stehen verschiedene einschneidige, oft gekrümmte Klingen. Solche Formen, wie das germanische Sax, der Falchion oder das lange Messer, waren weit verbreitet, auch wenn sie heute weit weniger bekannt sind. Gerade das lange Messer erfreute sich im Spätmittelalter größter Beliebtheit und war eine der zentralen Waffen der Fechtkunst. In Europa bestand also eine eigene Tradition einschneidiger Blankwaffen, aber es zeigen sich gerade in diesem Bereich auch außereuropäische Einflüsse. Als auf den Schlachtfeldern der Neuzeit die schwere Körperpanzerung zunehmend verschwand, wurde der Säbel zu einer dominierenden Klingenform für den Nahkampf. Seine Wurzeln liegen in der Bewaffnung asiatischer Reitervölker.

Neben seinen Funktionen als Symbol und Waffe diente das Schwert aber auch als Werkzeug des Henkers. Die Enthauptung war als Methode der Hinrichtung in Europa bis weit in das 20. Jahrhundert verbreitet – der Begriff Kapitalverbrechen geht auf das lateinische Wort caput (Kopf) zurück. Sie galt als eine ehrenhafte Form der Hinrichtung. In manchen Ländern wurden Verurteilte von geringerem sozialen Stand mit der Axt geköpft, während die Enthauptung mit dem Schwert den höheren Ständen vorbehalten war. Typische Richtschwerter sind schwer, breit und mit ihrer abgerundeten Spitze darauf ausgelegt, einen einzelnen, endgültigen Schlag zu führen. Bisweilen "notierte" man auf den Klingen, wie viele Menschen mit ihnen gerichtet worden waren. Auf einem der Stücke des Klingenmuseums heißt es: "Sie haben mich geführt Reht 300 und 6 persohn mit mir Niedergelegt".

Solingen war seit dem Hochmittelalter maßgeblich an der Produktion von Schwertern und anderen Blankwaffen beteiligt. Die Schmiede der Stadt arbeiteten auch für die Edlen in ganz Europa und stellten erstklassige Schwerter her. Es entwickelten sich arbeitsteilige Produktionsweisen, die zuletzt in der industrialisierten Klingenherstellung mündeten. Im 19. Jahrhundert stellte die Stadt Degen und Säbel für das Militär her und exportierte ihre Erzeugnisse nicht nur in die europäischen Länder, sondern auch nach Südamerika und in die USA. Diese Tradition ist im 20. Jahrhundert zwar in ihrer Bedeutung zurückgegangen, existiert aber bis heute – Solingen, die Klingenstadt.

Publikation

Barbara Grotkamp-Schepers, Isabell Immel, Peter Johnsson, Sixt Wetzler: Das Schwert – Gestalt und Gedanke (anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Klingenmuseum vom 26. SEP 2015 bis zum 28. FEB 2016). Solingen 2015. An der Museumskasse erhältlich.

Hans-Ulrich Haedeke: Blankwaffen. Führer durch die Ausstellung Deutsches Klingenmuseum Solingen. Rheinland-Verlag. Köln 1982. An der Museumskasse und online erhältlich.

Zum Online-Shop

Jacques und seine Kameraden

Zum Video (Youtube)

Kontakt

klingenmuseum

Öffnungszeiten

  • Täglich 10 – 17 Uhr
  • Freitags 14 – 17 Uhr
  • Montags geschlossen